Nordrhein-Westfalen
Dojo

dojo-3dojo-3Das traditionelle Dojo

Einleitung

Der Raum, in dem japanische Kampfkünste (Budo) ausgeübt werden, wird als Dojo bezeichnet. Auch wenn heutzutage dazu meist eine Sporthalle genutzt wird, handelt es sich dennoch um ein Dojo, in dem ein entsprechender Geist und spezifische Regeln respektiert werden sollten.

Für den Laien, der zum ersten Mal mit den Budo-“Sportarten“ in Berührung kommt, mögen die Trainingsumstände, der Umgang miteinander, aber auch gegenüber dem Übungsleiter (Sensei), wegen der ausgeprägten Hierarchie, der strengen Disziplin zunächst ungewohnt und gegenüber modernen, sportlichen Körperbetätigungen fremd, ja überholt wirken, wie aus einer Zeit des Turnvaters Jahn, in der Sport noch im Kasernenhofton stattfand.

Doch werden Sinn und Zweck dieser gerade im Budo herrschenden strengen Verhaltensnormen plausibel, bedenkt man zum einen, dass zum Teil verletzungsträchtige oder gar lebensgefährliche Techniken praktiziert werden. Um Fremd- und Eigenverletzungen zu vermeiden, bedarf es eines hohen Verantwortungsgefühls und Respekts vor dem Mitmenschen. Zum anderen führt erst eine beständige Übung innerhalb festgelegter Rahmenbedingungen zu einem Voranschreiten – im Sinne einer prozessorientierten Weglehre („Der Weg ist das Ziel“). Philosophie, Mentalität, Tradition und Ziele des Budo müssen dadurch allmählich erfahren werden, was leider im Gegensatz zu der heute üblichen, zielorientierten Leistungslehre des „Schneller, weiter, höher“ steht.

Um Irrtümern gleich zu Beginn vorzubeugen ist es mir wichtig darauf hinzuweisen, dass es bei dem Thema nicht um eine undifferenzierte Ausübung oder Übernahme asiatisch-religiöser Rituale geht, sondern um ein Bewusstmachen philosophischer Aspekte eines fernöstlichen Erfahrungsweges, dessen Inhalte sehr wohl auch in unserer europäischen Kulturhistorie zu finden sind.

[Beispielhaft sollen hier die Stoiker, als eine der zahlreichen Richtungen erwähnt werden. Sie nahmen mit dem Hellenisten Zenon von Kition (333  264 v. Chr.) ihren Anfang und fanden mit dem römischen Philosophenkaiser Marc Aurel (121  181 n. Chr.) ihren Abschluss.]

Das Interessante am fernöstlichen Budo ist jedoch, dass dabei verschiedene asiatische Einflüsse im Laufe der Zeit eine Bündelung erfuhren und sie nach einer speziellen Methodik und Strategie im kriegerischen Überlebenskampf jener Epoche erfolgreich umsetzbar gemacht wurden.

In den zivilisierten Gesellschaften des 21. Jhdts. geht es nun erfreulicherweise nicht mehr um erfolgreiche Perspektiven innerhalb kriegerischer Überlebenskämpfe zwischen Menschen wie zu damaliger Zeit.

Jedoch kann meines Erachtens dieser Themenzusammenhang des „kriegerischen Überlebenskampfes“ durchaus auf die innere Auseinandersetzung im Sinne eines fortwährenden Kampfes mit sich selbst auf mentaler, emotionaler und seelischer Ebene adaptiert werden.

Das Wesen des Budo ist nämlich nicht der Sport, die Geschicklichkeit, sondern eine Fähigkeit, über die körperliche Betätigung mittels Übung und Vervollkommnung präziser Techniken, Lebensenergien zu wecken, zu entwickeln und durch diesen Prozess eine geistige und moralische Reife zu erzielen.

Darüber hinaus wird durch die Ausübung dieser traditionellen Methodik, ein sinnvoller Zweck in der Trainingsorganisation sowie den Unterrichtsformen erfüllt und deshalb auch in den verschiedensten, nicht nur im Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) vertretenen Kampfkünsten wie Judo, Karate, Tae-kwon-do, Aikido und Ju Jutsu, sondern auch weltweit praktiziert. Deshalb sind die verwendeten japanischen Bezeichnungen und ihre Bedeutungen, zumindest was die japanischen Kampfkünste betrifft, international gebräuchlich.

 

Geschichte

    ...Weg, Pfad                ...Ort, Standort   --> Ort des Weges

Der Begriff „Dojo“ entstammt ursprünglich dem indischen Sanskritwort "bodhimanda" und wurde in chinesische Schriftzeichen und schließlich ins Japanische übersetzt. Es bedeutet „Ort der Verwandlung des ichzentrierten ins ichlose Selbst“ oder auch einfach "Ort der Erleuchtung/Sitz des Erwachens". Gemeint ist damit jene heilige Stätte, an welcher der historische Buddha Siddhartha Gautama (563 – 483 v. Chr.) im Alter von 35 Jahren unter einer Pappelfeige seine Erleuchtung, sein Erwachen fand. An diesem Ort, einer kleinen Stadt namens Bodhgaya im nordindischen Bundesstaat Bihar, wächst der Mahabodhi, der Überlieferung nach ein Abkömmling jener Pappelfeige. Er ist eine der heiligsten Stätten des Buddhismus.

In buddhistischem Sinne wird unter „bodhimanda“ bzw. „dojo“ auch ein Ort verstanden, an dem die Seele Buddhas zur Ruhe findet, an dem man im Sinne der Lehre Buddhas an sich arbeitet.

Seit der Ausprägung des „Gendai Budo“ im 18. Jhrdt., den modernen japanischen Budoformen, die neben der technischen Ausbildung gesteigerten Wert auf geistige und individuelle Entwicklung legen, bezeichnet Dojo einen Platz, an dem Schüler in Budodisziplinen unterwiesen werden, an dem Geist und Körper durch die Technik eins werden, an der sich also immaterieller Geist und materieller Körper in Einheit, aufrecht und auf einem klaren Weg entwickeln können.

In den alten Koryu-bujutsu-Systemen waren vor der Einführung bzw. Vereinheitlichung des Ausdrucks „dojo“ (ca. 1870) auch andere Bezeichnungen für die Übungsorte, wie z.B. Keikoba (noch heutige Bezeichnung im Sumo), durchaus üblich.

    Kei ko...Training/Übung     ba...Ort, Standort   --> Ort der Übung und des Trainings

Vor diesem Hintergrund wird verständlich, warum ein Dojo also nicht nur lediglich ein Ort des sportlichen Trainings ist, sondern als Ort der inneren Sammlung angesehen wird und daher einen würdevollen (heiligen) Charakter besitzt und weshalb ihm durch die genaue Strukturierung und Vorgabe der Einrichtung ein besonderer Charakter verliehen werden soll.

Als Ort zum Studium des Weges der menschlichen Begegnung und Vervollkommnung, soll nicht nur der würdevolle Charakter gewahrt bleiben, sondern insbesondere auch ein achtsames Bewusstsein herrschen, unabhängig davon, ob es sich um die darin anwesenden Menschen, deren Tun oder der im Dojo befindlichen Gegenstände handelt.

Es sollte alles vermieden werden, was nicht in Bezug zum Lernen oder Üben steht, den Übungsablauf beeinträchtigt oder die Übenden stört. Der im Dojo herrschende Geist wird maßgeblich durch die innere Einstellung sowie durch die Lern- bzw. Leistungsbereitschaft der Übenden (Budoka) bestimmt. Letztlich kann auch nur in einem solchen Bewusstsein die Gesundheit und Verletzungsfreiheit weitestgehend gewährleistet bleiben.

Um dies zu gewährleisten, herrscht in jedem Dojo eine strenge Ordnung und Disziplin, wobei das Wort des Sensei („Unterrichtender“) zwingend und bindend ist, weil ihm/ihr die Aufgabe und Verantwortung der Bereitung des Weges obliegt. Er/Sie hat daher nicht nur das Recht, sondern auch die Pflicht, jeden zurechtzuweisen, der sich in diese Disziplin nicht einordnet und andere am Studium des Weges stört. So sind z. B. laute Gespräche oder Gefühlsäußerungen völlig unangebracht. Leider lassen jedoch Gewohnheit und Bequemlichkeit häufig, und nicht nur in der westlichen Hemisphäre, Sitten ins Dojo einziehen, die dessen eigentlichen Sinn und Zweck vollkommen zu wider laufen führen.

… … Fortsetzung folgt … …